Im Spiegel der Musik

TEXT: CORNELIA BRELOWSKI | FOTOS © STIFTUNG KULTURERBE EINSIEDELN

Mit Ein himmlisch’ Werk wirft das Museum Fram Licht auf bislang verborgene musikalische Schätze des weltbekannten Klosters Einsiedeln. 

Das Benediktinerkloster ist weithin bekannt für seine prägnante Barockkirche oder die dem frühen Rokoko verpflichtete Stiftsbibliothek. In den der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bereichen finden sich allerdings auch viele unbekannte Schätze. Dazu gehört die umfangreiche Musikbibliothek mit dem größten Bestand an Musikhandschriften der Schweiz.

Kurator Pater Lukas Helg zeigt Sammelband mit 31 Messen und Handschriften verschiedener Komponisten, Druck 1566 bis 1568, Museum Fram

Kurator Pater Lukas Helg zeigt Sammelband mit 31 Messen und Handschriften verschiedener Komponisten, Druck 1566 bis 1568.

Himmlische Klänge

Die Ausstellung Ein himmlisch’ Werk – Musikalische Schätze aus dem Kloster Einsiedeln zeigt nun einige der wertvollen klostereigenen Musikalien, die vom florierenden musikalischen Leben des Klosters und der Sammelleidenschaft der Mönche zeugen.

In einer ‚Ouvertüre und sechs Akten‘ präsentiert, wurde der Raum des Museums Fram dazu in sieben Bereiche aufgeteilt. Dabei gibt es die Musik nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören: zum Einen mit den in der Ausstellung zur Verfügung gestellten Audioguides, zum Anderen in einem speziell eingerichteten Auditorium. Ein Traum für jeden Kulturinteressierten mit einem Faible für Kirchenmusik.

Klostereigene Komponisten

Seit dem 10. Jahrhundert lebt in Einsiedeln eine Mönchsgemeinschaft, die ihren Tagesablauf nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia gestaltet. Da in der benediktinischen Tradition ein Teil des täglichen Gebets gesungen wird, erstaunt es nicht, dass sich in einer über tausendjährigen Klostertradition ein riesiger Bestand an gesungener Gottesdienstmusik angesammelt hat. Viele dieser Werke wurden von klostereigenen Komponisten geschaffen, denen der erste Akt der Ausstellung gewidmet ist. Darunter finden sich Ulrich Wittwiler, Anselm Schubiger, Oswald Jaeggi, der Hindemith-Schüler Daniel Meier und der Bartolucci-Schüler Theo Flury (*1955).

Faksimile des Codex 121, geschrieben im Kloster Einsiedeln zwischen 960 und 970, Museum Fram

Faksimile des Codex 121, geschrieben im Kloster Einsiedeln zwischen 960 und 970.

Zwischen Kirche und Bühne

Dass Oper und Gottesdienst sich nicht unbedingt ausschließen, mag heute überraschen. Zu Renaissance- und Barockzeiten war dies jedoch keineswegs ein Widerspruch.

So wird im zweiten Akt der Ausstellung unter anderem offenbar, wie bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in der Kirche auch Musik aus Opern gespielt wurde. So erklang beispielsweise ein Magnificat mit Musik aus Mozarts Le Nozze di Figaro – und aus der Arie Contessa perdono wurde ein Gloria patri.

Im Lauf der Geschichte bis in die Moderne haben sowohl interne, als auch mit dem Kloster verbundene Komponisten Werke für den Gottesdienst geschaffen. Speziell zu erwähnen sind die beiden großen Einsiedler Messen von Hans Huber (1852-1921) und Albert Jenny (1912-1992).

Noch vor dem legendären Zyklus im Opernhaus Zürich führten Einsiedler Stiftsschüler im Jahr 1965 Claudio Monteverdis L’Orfeo (1607) auf. Ein Jahr später versiegte die Operntradition an der Stiftsschule, die bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückzuverfolgen ist. Da es bis 1970 keine Mädchen am Gymnasium gab, wurden die Opern von den Mönchen ohne Rücksicht bearbeitet, so dass aus Frauenpartien Männerrollen wurden und etwa Donizettis Fille du régiment kurzerhand zu Marino, der Regimentsbursche mutierte. Die Ausstellung verspricht also durchaus auch ein paar Kuriositäten.

Schätze aus Oberitalien

Im vierten Akt wird gezeigt, welche Auswirkungen die Schule hatte, welche das Kloster von 1675 bis 1852 in Bellinzona führte. Über diese ‚Filiale‘ kamen große Bestände oberitalienischer Musik ins Heimatkloster. Die zahlreichen Entdeckungen der Tessiner Einsiedler-Patres in Mailand und an anderen Orten Oberitaliens befinden sich heute in der Musikbibliothek, darunter auch sechs Original-Partituren des Mailänder Domkapellmeisters Carlo Donato Cossoni (1623-1700).

Der Mailänder Domkapellmeister Carlo Donato Cossoni vermachte dem Kloster Eisiedeln seinen musikalischen Nachlass, Museum Fram

Der Mailänder Domkapellmeister Carlo Donato Cossoni vermachte dem Kloster Eisiedeln seinen musikalischen Nachlass.

Rund 100 zeitgenössische Abschriften katholischer Kirchenmusik des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian Bach (1735-1782), der sich in jungen Jahren in Mailand aufhielt, runden diesen Ausstellungs-Abschnitt ab.

Nach der Revolution

Der fünfte Akt zeigt die Auswirkungen der Französischen Revolution auf das Musikleben im Kloster Einsiedeln. 1798 musste der aus 93 Mönchen bestehende Konvent vor den französischen Truppen fliehen; die Patres ließen sich zum größten Teil im vorarlbergischen St. Gerold nieder und steuerten von dort aus verschiedene Klöster in Österreich und Deutschland an. Eine wahre Offenbarung war für sie die Musik von Joseph Haydn. Seine Streichquartette, Sinfonien, Messen und Oratorien trugen dazu bei, dass sich die Einsiedler Musikverantwortlichen von der ‚welschen‘ der deutschen Musik zuwandten.

Im Mittelpunkt des sechsten und letzten Akts steht Bibliotheksgründer Pater Gall Morel, aus damaliger und wohl auch aus heutiger Sicht „der universalste Geist, den das Stift besessen“, wie es im Professbuch des Klosters heißt. Zusammen mit den Novizen erstellte er 1835 das erste Verzeichnis der vorhandenen Musikalien und legte damit den Grundstein für die Einsiedler Musikbibliothek.

Die beiden Kuratoren der Ausstellung sind Pater Lukas Helg, seit 43 Jahren Leiter der Musikbibliothek, und Dr. Christoph Riedo, Musikwissenschaftler und Kenner der Alten Musik. „Fram“ ist übrigens norwegisch und heißt auf Deutsch „vorwärts“. Der Name des Museums stammt vom Schiff des Forschers und Nobelpreisträgers Fridtjof Nansen (1861-1930). Walter Kälin, Präsident der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln erläutert die Mission des Museums mit den Worten: „Anhand von Objekten aus der Vergangenheit reflektieren wir die Gegenwart und machen uns Gedanken über die Zukunft.“

Ein himmlisch’ Werk – 25. Mai bis 29. September 2019 (Führungen bis 8. Dezember)

www.fram-einsiedeln.ch

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